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„... und dann rieselt der Strom aus der Steckdose“

Elektrische Betrachtungen der besonderen Art

von Bernd Schwenke

 

Man lernt jeden Tag etwas Neues. Ich zum Beispiel habe gerade eine Geschichte von James Thurber gelesen, in der er von seiner Großmutter erzählt, die glaubte, dass aus einer Steckdose Elektrizität riesele, wenn man den Strom nicht abschalte. Daraus – nämlich aus dem allgemeinen Zusammenhang und aus der Tatsache, dass Thurber Humorist ist – schließe ich, dass die Großmutter unrecht hatte.

Ich habe in der Schule nie Elektrizität gehabt, und die Tischgespräche meiner Eltern drehten sich selten um dieses Thema. Aber einerseits durch die Lektüre von Thurber, andererseits weil ich dann und wann eine elektrische Birne einschrauben oder an einem Transistorgerät den richtigen Sender einstellen muß, habe ich mir auf dem Gebiet der Elektrizität ganz gute praktische Kenntnisse angeeignet. Keine sehr Umfassenden, nein, weiß Gott nicht – ich verstehe zum Beispiel noch immer nicht ganz, weshalb man auf einer elektrischen Gitarre kein Ei kochen kann – aber wenn ich von dem, was ich im Laufe der Zeit gelernt habe, eine Liste aufstelle, wundert es mich doch, dass die ZEITSCHRIFT FÜR ELEKTRIZITÄT mich noch nie um einen Beitrag gebeten hat. Zum Beispiel:

1.      Elektrizität wird im allgemeinen in Kraftwerken angefertigt, wo man sie in Drähte leitet, die um große Trommeln gewickelt werden.

2.      Es gibt jedoch Elektrizität, die nicht durch Drähte zu gehen braucht, beispielsweise die Sorte, die beim Blitz und in Kofferradios verwendet wird. Diese Elektrizität  wird nicht erzeugt, sondern sie schwebt lose in der Luft herum.

3.      Elektrizität macht ein leises, summendes Geräusch. Dieses Geräusch kann auf verschiedene Höhenlagen eingestimmt und für Türklingeln, Telefone oder Kinoorgeln verwendet werden.

4.      Elektrizität muß geerdet werden. Das heißt, sie funktioniert nur, wenn sie mit der Erde verbunden ist, außer im Falle von Flugzeugen, für die besondere Bestimmungen gelten.

5.      Obgleich aus einer leeren Fassung keine Elektrizität herausrieselt, enthält sie doch Strom, was man deutlich merkt, wenn man bei angedrehtem Schalter den Finger hineinsteckt. Was tut also die Elektrizität in der Fassung, wenn sie nicht herausrieselt?

6.      Elektrizität setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen, einem negativen und einem positiven. Der eine Bestandteil läuft durch einen mit blauem Kunststoff überzogenen Draht, der andere durch einen mit rotem Kunststoff überzogenen Draht. Wenn diese beiden Drähte in dem, was wir Stecker nennen, zusammentreffen, mischen sich die beiden Bestandteile, und so entsteht die Elektrizität.

7.      Elektrizität kann in Batterien gespeichert werden. Große Batterien müssen nicht unbedingt mehr Elektrizität enthalten als kleine. In große Batterien wird die Elektrizität einfach hineingeschüttet, während sie in kleinen Batterien flach gepackt ist.

Leute ohne Wissensdrang nehmen das alles als etwas Selbstverständliches hin. Sie drücken auf einen Schalter, das Licht geht an – und das ist alles, was sie über das Wunder in ihrer Wohnung wissen. Mir hat das nie genügt. Ich muß wissen, wie die Sachen funktionieren, und wenn ich in technischen Lehrbüchern nichts finde, kombiniere ich das, was ich schon weiß,

mit schlichter Logik. So kann man durch Deduktion leicht darauf kommen, dass der Lichtschalter zur Regulierung einer kleinen Klemme oder Zwinge dient, die die beiden Drähte ganz fest zusammenkneift, so dass die Elektrizität nicht hindurch kann. Dreht man am Schalter, so lockert sich die Zwinge, und die Elektrizität wandert in die Glühbirne, in der sich ein bloßliegendes Stückchen Draht, das sogenannte Element, befindet. Hier wird die Elektrizität zum ersten Male sichtbar, und zwar in Form eines Funkens. Dieser Funke wird durch die gekrümmte Birne, die aus Vergrößerungsglas besteht, vielhundertfach vergrößert.

Warum – so lautet unsere nächste Frage – haben diese Glühbirnen eine begrenzte Lebensdauer? Nun, jeder Schuljunge weiß, dass Sauerstoff durch Hitze in Feuchtigkeit verwandelt wird. Wenn nun der gesamte Sauerstoff in der Glühbirne auf diese Weise verflüssigt ist, löscht er naturgemäß den elektrischen Funken aus.

An den Sicherungsdraht habe ich mich noch nicht herangewagt. Es hat mich immer erstaunt, dass eine auf fast allen Gebieten höchst unternehmende Industrie – die Erfindung der Farbelektrizität für Verkehrsampeln und die Nutzbarmachung der negativen Elektrizität zur Kälteerzeugung sind zwei Beispiele, die mir gerade einfallen – noch jetzt, zweihundert Jahre nach der Erfindung des elektrischen Kessels durch James Watt, viel zu dünne Sicherungsdrähte herstellt. Ich möchte einen Tipp weitergeben – nur ein schlichtes Hausmittel, aber immerhin: In Eisenwarenhandlungen gibt es einen kräftigen Draht zu kaufen, der meist zum Einzäunen von Hühnerhöfen benutzt wird und sehr viel dauerhafter ist als das Zeug, das die Elektriker einem verkaufen (die natürlich auch verdienen wollen, ist ja klar!). Ich verwende diesen Draht, und meine Sicherungen (ich habe sie jetzt ein halbes Jahr) sind so unerschütterlich wie die Bank von England – wenn auch die Wäscheschleuder infolge Beschickung mit zuviel Elektrizität in Flammen aufging.

Aber wozu überhaupt Sicherungsdraht? Ich verstehe vollkommen, dass die Sicherungen die Verbindungsstelle sind, an der die vom Kraftwerk kommenden Drähte sich mit den zum Haus gehörigen Drähten vereinigen oder verschmelzen, und dass diese beiden Arten von Drähten irgendwie miteinander verbunden werden müssen. Aber warum knotet man sie nicht einfach zusammen?

Wie gesagt, meine Kenntnisse sind in mancher Hinsicht unvollkommen. So habe ich das Gebiet der Leuchtreklamen noch nicht erforscht – wie macht man es, dass die Elektrizität sich hin und her bewegt? Dann der automatische Brotröster – woher weiß er, wann der Toast fertig ist? Ist Elektronik vielleicht nur ein Modewort, das heute als schick gilt? Wie kann ein englischer Computer französisch sprechen – dazu braucht er doch eine andere Spannung? Auch auf diese und viele andere technischere Fragen könnte die Logik eine Antwort liefern, aber das Licht über meinem Schreibtisch ist gerade ausgegangen. Wahrscheinlich irgendwo ein Ventil geplatzt.

 


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